Weniger Lust, weniger Kraft oder das Gefühl, nicht mehr richtig in Schwung zu kommen: Bei solchen Veränderungen wird inzwischen häufig über Testosteron gesprochen. Das ist verständlich. Trotzdem braucht es mehr als eine Symptomliste, um die Bedeutung eines Hormons für die eigene Situation einzuschätzen.
Die neunte Folge von Hormonzeit, veröffentlicht am 1. Oktober 2026, widmet sich Testosteron bei Frauen und Männern. Dieser Beitrag ordnet die dort angesprochenen Fragen zu Beschwerden, Untersuchungen und Behandlung ein.
Testosteron ist kein ausschließliches Männerhormon
Auch Frauen bilden Testosteron. Der Zusammenhang mit Sexualität, Muskulatur und körperlichem Wohlbefinden betrifft deshalb beide Geschlechter. Daraus folgt jedoch nicht, dass Frauen und Männer dieselben Werte benötigen oder nach demselben Schema behandelt werden sollten.
Ebenso wenig ist ein höherer Wert automatisch besser. Medizinische Diagnostik soll eine konkrete Frage beantworten. Sie ist kein Wettbewerb um einen vermeintlich optimalen Hormonspiegel.
Beschwerden sind ein Anlass zum Gespräch, keine Diagnose
In der Folge werden unter anderem Veränderungen von Lust, Antrieb und Muskelkraft angesprochen. Wer solche Veränderungen bemerkt, sollte sie ernst nehmen. Sie sind aber nicht spezifisch für einen Testosteronmangel.
Für ein Gespräch sind konkrete Beobachtungen hilfreicher als eine fertige Erklärung:
- Seit wann hat sich etwas verändert?
- Ist vor allem die Lust betroffen oder auch das körperliche Befinden?
- Wie sind Schlaf, Belastung und Erholung?
- Wurden Medikamente verändert oder Erkrankungen festgestellt?
- Welche Auswirkungen haben die Beschwerden auf Alltag und Partnerschaft?
Auch Schmerzen beim Sex, Sorgen oder Beziehungskonflikte können sexuelles Interesse beeinflussen. Eine umfassende Einordnung lässt Platz für mehrere Ursachen gleichzeitig.
Wie wird ein Testosteronmangel bei Männern abgeklärt?
Die Leitlinie der Endocrine Society verbindet die Diagnose mit passenden Beschwerden und eindeutig sowie wiederholt niedrigen Testosteronwerten. Eine auffällige Messung soll durch eine weitere morgendliche Nüchternmessung bestätigt werden. Anschließend geht es auch darum, die Ursache zu verstehen.
Je nach Befund können zusätzliche Untersuchungen notwendig sein. Ein einzelner Wert aus einem beliebigen Zeitpunkt genügt nicht, um eine Therapieentscheidung abzuleiten. Mehr zum Thema findest Du im Beitrag über Testosteronmangel und Beschwerden bei Männern (öffnet in neuem Tab).
Was ist bei Frauen anders?
Bei Frauen gibt es keinen allgemein anerkannten einzelnen Testosterongrenzwert, mit dem sich Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder geringe Lust eindeutig als Androgenmangel diagnostizieren lassen. Ein Laborwert kann deshalb nicht allein bestimmen, ob eine Behandlung notwendig ist.
Die Endocrine Society empfiehlt Testosteron nicht allgemein zur Verbesserung von Energie, Stimmung oder Wohlbefinden bei gesunden Frauen. Bei anhaltendem, persönlich belastendem vermindertem sexuellem Verlangen nach der Menopause kann nach umfassender Abklärung eine spezialisierte Behandlung erwogen werden. Dabei gehören die Grenzen der Evidenz und die unzureichend geklärte Langzeitsicherheit ins Gespräch.
Es ist also wichtig, die konkrete Beschwerde zu benennen. Eine Frau kann ihren Partner lieben und trotzdem wenig sexuelles Verlangen erleben. Weder eine vorschnelle Schuldzuweisung an die Beziehung noch die automatische Erklärung durch ein einzelnes Hormon wird dieser Situation gerecht.
Wann kommt eine Behandlung infrage?
Eine Behandlung richtet sich nach Diagnose, Beschwerden, Risiken und persönlichen Zielen. Sie sollte einen überprüfbaren medizinischen Zweck haben. Der Wunsch nach mehr Leistungsfähigkeit allein ersetzt keine Indikation.
Vor Beginn Fragen sammeln
Welche Veränderung soll die Behandlung erreichen? Welche anderen Ursachen wurden berücksichtigt? Wann wird der Verlauf beurteilt? Welche Kontrollen sind vorgesehen? Diese Fragen helfen, eine Entscheidung nachvollziehbar zu machen.
Kinderwunsch vorher ansprechen
Bei Männern kann zugeführtes Testosteron die Spermienbildung unterdrücken. Wer aktuell oder in absehbarer Zeit Kinder bekommen möchte, sollte das unbedingt vor einer Therapie besprechen. Die Planung kann dadurch eine andere sein.
Keine Selbstmedikation
Hormone aus unsicheren Quellen und eigenmächtige Dosierungsänderungen können Risiken mit sich bringen. Kontrollen und die Beobachtung möglicher Nebenwirkungen gehören zu einer ärztlich begleiteten Behandlung.
Den Alltag mitbetrachten
In der Podcastfolge geht es auch um Schlaf, Bewegung, Ernährung und Belastung. Diese Bereiche verdienen Aufmerksamkeit, unabhängig davon, ob später ein behandlungsbedürftiger Hormonmangel festgestellt wird. Sie sind kein Versprechen, einen bestimmten Testosteronwert zu erreichen.
Wenn vor allem Erschöpfung im Vordergrund steht, kann Dir der Beitrag zu anhaltender Müdigkeit (öffnet in neuem Tab) helfen, das Gespräch vorzubereiten. Bei Frauen lohnt zusätzlich die Einordnung anderer Beschwerden in den Wechseljahren (öffnet in neuem Tab).
Häufige Fragen zu Testosteron
Haben Frauen ebenfalls Testosteron?
Ja. Seine Bedeutung lässt sich aber nicht einfach aus den bei Männern verwendeten Diagnose- und Behandlungskriterien ableiten.
Bedeutet Müdigkeit automatisch Testosteronmangel?
Nein. Müdigkeit kann viele Ursachen haben. Eine Symptomliste allein stellt keine Diagnose und begründet keine Hormonbehandlung.
Reicht ein niedriger Laborwert für eine Therapie?
Nein. Bei Männern gehören Beschwerden und bestätigte niedrige Werte zusammen. Bei Frauen lässt sich ein allgemeiner behandlungsbedürftiger Mangel nicht aus einem einzelnen Grenzwert ableiten.
Ist Testosteron ein Mittel gegen das Älterwerden?
Eine pauschale Behandlung zur Leistungssteigerung oder als Anti-Aging-Maßnahme lässt sich daraus nicht begründen. Maßgeblich ist eine sorgfältig abgeklärte individuelle medizinische Situation.
Passend zum Beitrag
Folge 9: Testosteron bei Frauen & Männern - Das unterschätzte Hormon · 21:14 Minuten
Folge anhören ↗Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung, Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.
Quellen
- Redaktionelle Grundlage: Folge 9: Testosteron bei Frauen & Männern - Das unterschätzte Hormon, Hormonzeit
- Testosterone Therapy for Hypogonadism Guideline Resources, Endocrine Society
- Androgen Therapy in Women: A Reappraisal, Endocrine Society